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August Sander und Thomas Struth

Landschaften

Den Blick zurück nach vorne zu richten, ist ein grundlegendes Konzept des Museums für Gegenwartskunst. Die Ausstellung „Landschaften. August Sander und Thomas Struth“ zeigt Kontinuitäten, ohne historische Unterschiede zu verwischen: Bekanntes wird im Neuen und Unbekanntes im Alten sichtbar.

Sieben großformatige, 1998 bis 2001 entstandene Farbfotografien aus der Reihe der „Paradises“ von Thomas Struth sind in der Ausstellung „Landschaften“ in einen Dialog mit August Sanders Landschaftsfotografien gebracht, die 1906 bis 1953 zeitgleich zu seinem großen Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ entstanden sind.

August Sander (1876–1964) hat das Konzept seines fotografischen Werkes zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt. Seine Bildsprache ist geprägt durch die Auseinandersetzungen mit der Bildenden Kunst der Klassischen Moderne, sein Einsatz der Fotografie mit der Zeit des Aufkommens des neuen Mediums im 19. Jahrhundert. Indem er selbst Neues und Altes zusammenfügte, die neue sachliche Bildsprache mit der alten Idee eines Bildatlasses des 19. Jahrhunderts, schuf er ein künstlerisches Verfahren, das in der zeitgenössischen Kunst bedeutsam wird.

In der Ausstellung im Museum für Gegenwartkunst Siegen sind Aufnahmen von August Sander von Westfalen und des Westerwaldes, des Siebengebirges mit der Wolkenburg, der Eifel, der Mosel, sowie Aufnahmen vom Mittel- und Niederrhein zu finden. Es handelt sich insofern um Porträts von Landschaften, als er von jeder Gegend geologische und kulturgeschichtliche Eigenheiten dokumentierte: Interessierten ihn am Siebengebirge vor allem die Geschichte der Erde, die Spuren der Vulkane, Meere und Flüsse, so zeigt er an den Landschaften der Eifel auch die Eingriffe des Menschen auf. August Sander sah in der Landschaft nicht die der Zeit enthobene Natur, sondern ein Motiv, dessen zeitliche, historische Dimension an den Spuren der Geschichte der Erde und der Menschen ablesbar ist.

Thomas Struth arbeitet gleichfalls in Serien. Aus seinem Werk sind Motivreihen wie Straßenzüge, Stadtlandschaften, Familien- und Einzelporträts sowie Museumsinnenräume bekannt, die er bis heute verfolgt. Anfang der neunziger Jahre beginnt er mit einer neuen Reihe der „Paradies-Fotografien“, die als Landschaften nur unzureichend beschrieben ist. Denn der Betrachter ist vor ein Waldstück gestellt, das dichte Blatt- und Aststrukturen zeigt, aber keinen Himmel und kaum einen Erdboden zur eigenen Verortung. Manches wirkt auf den ersten Blick von der Fauna her exotisch, anderes trügerisch bekannt, wie ein Waldstück, das aus einem romantischen Gemälde des 19. Jahrhunderts zu stammen scheint, aber ein Wald in Japan zeigt. Diese Assoziationen an Gemälde des 17. bis 19. Jahrhunderts oder der Landschaftsfotografie Anfang des 20. Jahrhunderts werden verschiedentlich geweckt. Sie machen deutlich, dass Struths Fotografien zwar Teil einer Reihe sind, vor allem aber als Einzelbilder wahrgenommen werden wollen. Schon die Formate der „Paradies-Fotografien“ machen die historische Differenz deutlich.

Kuratorin: Barbara Engelbach