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Thinking outside the box

Studiolo

Die englische Redensart „Thinking outside the box“ meint, kreativ, innovativ oder gar risikoreich zu denken, jenseits des vertrauten Terrains und festgefahrener Regeln. Im Deutschen findet sich eine entsprechende Wendung: „Über den Tellerrand hinausschauen“. Damit ist ebenfalls die Offenheit für Neues gemeint.

Anlass für die aktuelle Studiolo-Präsentation ist die Neuerwerbung des Gemäldes „Marró desplegat“ von Antoni Tàpies von 1974 für die Sammlung Lambrecht-Schadeberg. Mit diesem Werk rückt das Motiv der Box, also der Kiste, ins Zentrum. „Braun entfaltet” lässt sich der katalanische Titel übersetzen, wodurch die zunächst abstrakte Malerei auch motivisch lesbar wird. Es handelt sich schlicht um einen braunen Pappkarton, der flach auseinandergefaltet ist; vielleicht für einen abermaligen Einsatz oder endgültig bereit zur Entsorgung im Altpapier. Zugleich erlaubt der neue Tàpies mit seinem ungewöhnlichen Motiv auch einen neuen Blick auf die Sammlungen des MGKSiegen.

Schnell finden sich an vielen Stellen Boxen und Kisten, nicht nur als Motive, sondern genauso auch ganz konkret als Objekte und Behältnisse. Diese Beispiele zeigen, wie sich die Box in der Kunst seit den 1960er Jahren als wichtiges Thema etabliert hat: Zum Beispiel bei einem Minimalisten wie Sol LeWitt als Gegenstand seiner Formanalyse, bei dem Experimentalisten Sigmar Polke als geheimnisvolle Kiste oder auch bei einem Gegenwartskünstler wie Vajiko Chachkhiani in seiner Auseinandersetzung mit den persönlichen Objekten seines Alltags.

Ein künstlerisches Denken ist von vornherein exemplarisch für ein „Thinking out of the box“. Es ist ein kreatives und neugieriges Erkunden von Neuem und Ungewohnten. Dabei zeigen einige der ausgestellten Beispiele, wie Künstler*innen sich demonstrativ auf jene Box beschränkt haben, die gerade dadurch fasziniert, weil sie verschlossen und geheimnisvoll bleibt.

Am Ende führt uns dieses Experiment vor Augen, wie mit, in und über die Kiste hinaus unsere Wahrnehmung im Alltag ebenfalls beständig von Boxen geprägt ist. Jedes Kunstwerk ist einst in einer Kiste verpackt im Museum angekommen. Dort existiert es in viereckigen Rahmen oder auf kubischen Sockeln und mit ihm befinden wir uns in Räumen, die selbst Boxen aus Stahl und Beton sind. Diese gebauten und vertrauten Alltagsstrukturen werden in Kunstwerken vorgeführt; insbesondere dann, wenn nicht klar ist, was sich in einer verschlossenen Kiste verbergen mag.

Das Ausstellungsformats „Studiolo“ versteht sich als ein dynamischer Raum innerhalb der Sammlung des MGKSiegen. Hier werden in regelmäßig wechselnden Ausstellungen einzelne Schwerpunkte und Werkgruppen der Sammlungen in den Fokus genommen.

Kurator: Prof. Dr. Christian Spies

8 Werke in der Sammlung